Geschichte des Dülmener Schützenwesens

Neuanfänge, Sommerfeste und alte Traditionen in veränderten Strukturen – Diskontinuitäten in der Geschichte der Dülmener Schützenvereine

Von Stefan Sudmann, Stadtarchivar 

Auszug aus der „Festschrift 125 Jahre Pluggendorf“ (erschienen zum Jubiläum 2015)

 

Zum ersten Mal erwähnt werden die Dülmener Schützen im Jahre 1551. Allerdings scheint die Aktivität der Dülmener Schützengesellschaft bald darauf stark zurück gegangen zu sein. Denn 1583 wurde mit Verweis auf die nachlässige Behandlung des Schützenwesens in Dülmen während der vorherigen Jahre eine Neuorganisation der Schützengesellschaft vorgenommen – sicherlich begründet durch den Spanisch-Niederländischen Krieg, unter dem auch die Menschen in Dülmen und Umgebung zu leiden hatten. Der nächste militärische Großkonflikt, der Dreißigjährige Krieg, führte schließlich zu einem vorläufigen Ende der Dülmener Schützengesellschaft: Nachdem die hessischen Truppen 1633 Dülmen eingenommen hatten, stellte der Landgraf von Hessen der Stadt zwar einen umfassenden Schutzbrief aus und ließ die städtischen Freiheiten weiter bestehen (im Gegensatz zur Einnahme durch den eigenen Landesherrn ein Jahrzehnt zuvor) – die Schützengilde ließ der hessische Landgraf jedoch auflösen, womöglich um einen bewaffneten Widerstand gegen die hessische Besatzung zu verhindern. Nach mehrmaligem Wechsel zwischen hessischen und kaiserlichen Truppen zogen die Hessen schließlich 1651 (drei Jahre nach Kriegsende) aus dem Münsterland ab. Dies war der Anlass zur Wiederbegründung der Schützengesellschaft in jenem Jahr, wobei viele der alten Schützen aus der Zeit vor 1633 inzwischen verstorben waren. So wurde auch eine neue Fahne angefertigt und bald wieder ein Schützenfest gefeiert.

Wenige Jahrzehnte nach dieser Wiederbelebung der Dülmener Schützengesellschaft scheinen die Aktivitäten aber wieder vorübergehend eingeschlafen zu sein. Zwar fand im Sommer 1736 ein Vogelschießen (vielleicht auch nur im kleinen Kreise) statt, ansonsten wurde 1743 jedoch konstatiert, dass es seit 1717 keine Tätigkeiten der Schützenbruderschaft gegeben habe. In den Quellen scheint anzuklingen, dass die allgemein schwierige Situation der Stadt (v.a. in wirtschaftlicher Hinsicht) sich auch auf das Schützenwesen ausgewirkt haben mag. Auf jeden Fall wurde 1743 beschlossen, die Schützengesellschaft nun wieder mit Leben zu füllen.

Ein wichtiger Aspekt hatte sich inzwischen aber gewandelt: Die Schützengilde hatte nun ihre militärische Bedeutung (wie 1633 nach am Verbot durch den hessischen Landgrafen erkennbar) schon längst verloren, sie war inzwischen in erster Linie eine gesellige Gemeinschaft. Wichtig war auch der repräsentative Aspekt - man denke an die Insignien (wie z.B. an den Pokal) oder an die Funktion der Schützengilde als ‘Ehrengarde‘ beim Einzug des Landesherrn. Dabei ergänzten sich die korporative Außendarstellung der Schützengesellschaft und die individuelle Zurschaustellung der Schützen.

In jener Zeit setzten sich die ersten Nachweise des Schützenwesens im Dülmener Umland ein, wobei die Anfänge jedoch nur sehr dürftig und bruchstückhaft überliefert sind. 1707 ist der erste Name eines Daldruper Schützens auf einer Königskette zu finden (wobei bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eine gemeinsame Schützenbruderschaft der Bauernschaften Daldrup, Rödder und Dernekamp bestand). Die ältesten erhaltenen Königsplaketten aus Merfeld datieren von 1748 und 1754; eine kontinuierliche Überlieferung setzt jedoch erst 1853 ein. Für das Schützenwesen in Rödder gilt ein silberner Vogel an der Königskette aus dem Jahre 1746 als erstes Zeugnis – die nächste dokumentierte Jahreszahl ist jedoch erst 1820. Für Welte gilt die Jahreszahl 1700 als erste sichere Angabe, wobei es ungesicherten Angaben zufolge schon 1696 ein erstes Schützenfest gegeben haben soll. Mitwick hatte lange eine Sonderrolle: Diese Bauerschaft war administrativ eng mit der Stadt verwoben; so gehörten auch die Mitwicker Schützen lange zur Stadt und lösten sich nur langsam: 1666 bildeten sie eine eigene Kompanie, 1743 ist das erste eigene Schützenfest belegt. Der Beginn von eigenständigen Traditionen der Schützen in Dernekamp wird auf die Zeit um 1700 datiert, ebenso jene in Hiddingsel (die allerdings auch erst im 19. Jahrhundert dichter und kontinuierlicher dokumentiert ist). Die älteste Fahne der Schützen in Buldern datiert von 1670. Die Tradition in Börnste lässt sich bis 1751 zurückverfolgen. Die erste Erwähnung eines Schützenfestes in Rorup stammt aus dem Jahre 1726; die Überlieferung bricht jedoch 1754 ab und beginnt danach erst wieder im 19. Jahrhundert – wie bei den meisten genannten Vereinigungen.

Die moderne Schützentradition setzte nach verschiedenen Brüchen und Überlieferungslücken sowohl auf dem Land als auch in der Stadt somit erst im 19. Jahrhundert ein. Die Dülmener Schützengesellschaft trat zuletzt im Jahre 1811 bei der Feier zu Geburt von Napoleons Sohn zusammen und löste sich anschließend auf. 1819 veranstalteten Mitglieder des ehemaligen Schützenbataillons aber noch ein Scheibenschießen anlässlich des Geburtstags von König Friedrich Wilhelm III. wobei ein Sohn des Herzogs von Croy Schützenkönig wurde. 1825/1826 gründeten sich dann anstelle der 1811 aufgelösten Schützengesellschaft zwei neue Schützenvereine, von denen einer nur Junggesellen umfasste. Wenige Jahrzehnte später trat eine weitere Veränderung ein: Mehrere Bürger der „mittleren Klasse“ waren offensichtlich mit der wirtschaftlich-sozialen Exklusivität des bestehenden Schützenvereins unzufrieden. So wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Schützenverein der Junggesellen der ‘Allgemeine Bürger-Schützen-Verein‘ gebildet. Der andere Schützenverein – ‘Rieke Lüde‘ genannt – bestand noch bis zum Ersten Weltkrieg.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist auch eine Schützentradition in der Münsterstraße belegt, aus der später der Schützenverein Pluggendorf hervorgehen sollte. Die Dülmener Lokalpresse veröffentlichte am 28. August 1889 das Programm für das „Münstersträßer Schützenfest zu Dülmen am 8. September 1889“, zu dem auch die „Bürger der übrigen Straßen und Fremde“ erscheinen konnten. Vier Tage zuvor waren in der Zeitung die „Münstersträßer Schützen“ zu einer Generalversammlung am 28. August eingeladen worden. Dem Zeitungsbericht vom 11. September 1889 zufolge herrschte auf diesem gut besuchten Schützenfest trotz des ausgesprochen schlechten Wetters, „eine recht animierte Stimmung“. Auch 1890 wurde in der Lokalpresse ein Münstersträßer Schützenfest angekündigt. Danach veränderte sich aber offensichtlich der Charakter des Festes. Diese Veranstaltung wurde nun nicht mehr als „Schützenfest“ gehandelt, sondern „Münstersträßer Volksfest“ (oder auch „Sommerfest“) genannt, wo das „Preisschießen“ nur noch ein Programmpunkt neben anderen wie z.B. Konzert, „Kinderbelustigung“ und Festball war. Mit dem Jahr 1899 endete die Berichterstattung über diese Feste in der Münsterstraße, dafür wurde nun intensiver als zuvor über das allgemeine Bürgerschützenfest berichtet, das nun offensichtlich die zentrale Rolle im Schützenwesen der Stadt spielen sollte.

Unterbrochen wurde die Tradition der Schützenfeste in den folgenden Jahrzehnten durch den ersten Weltkrieg und später durch die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse in der Weimarer Republik. In den Kriegsjahren fanden gar keine Schützenfeste statt oder nur kleinere Veranstaltungen wie ein Sommerfest bzw. einfache Versammlungen mit Tanz und Unterhaltung.

Dennoch wurde das Dülmener Schützenwesen gegen Ende der Weimarer Republik bunter und vielfältiger. Die Wiederaufnahme der älteren Traditionen des früheren Münstersträßer Schützenfests mündete in die Gründung des Schützenvereins Pluggendorf 1930; etwa zeitgleich gründeten sich auch die beiden Vereine Kohvedel (1928) und Nieströter (1930).

Schwere Einschnitte brachte dann die Zeit des Nationalsozialismus: Anfang 1939 wurde wie zuvor bei den Sportvereinen der (bereits 1934 geplante) Zusammenschluss der Dülmener Schützenvereine erzwungen. Wenige Monate später brach der Zweite Weltkrieg aus. So lag das Schützenwesen in Dülmen nun mehrere Jahre lang brach.

Zu einer Wiederbelebung des Schützenwesens kam es – im Gegensatz z.B. zu den schnell wieder aktiven Chören und Sportvereinen – erst mehrere Jahre nach Kriegsende, in den meisten Fällen ab 1949. Doch wurden in den nun wieder eigenständigen Vereinen oft zuerst nur einfache Sommerfeste abgehalten, bis dann zu Beginn der 1950er Jahre auch wieder wirkliche Schützenfeste gefeiert wurden.

Ein ganz anderer und aktuellerer Wandel setzte einige Jahrzehnte später ein. Waren Schützenvereine lange Zeit eine reine Männerdomäne, so nahmen in jüngster Zeit die Präsenz und die aktive Teilnahme von Frauen deutlich zu. Schon 1972 titelte die Dülmener Zeitung zu den ersten weiblichen Schützen beim Welter Schützenfest: „Auch Welter Frauen schossen scharf“. Ganz so einfach war die Angelegenheit in den meisten Schützenvereinen jedoch nicht: 1987 wurde im Schützenverein Kohvedel zum ersten Mal eine Frau in den Vorstand gewählt, während fast zeitgleich bei den Nieströtern – wo es schon länger Frauen als zahlende Mitglieder gab – eine Zulassung von Frauen in den Vereinsvorstand durch die Mitgliederversammlung abgelehnt wurde. Im Juli 2012 konnten die Kohvedeler dann ihre erste Schützenkönigin (mit Prinzgemahl) bejubeln. Der Schützenverein Leuste verzeichnete im März 2012 sein erstes weibliches Vorstandsmitglied. Knapp ein Jahr später wurden bei den Pluggendorfer Schützen, die 1991 den bis dahin nur Männern vorbehaltenen Frühschoppen auch für Frauen geöffnet hatten, gleich zwei Frauen in den Vorstand gewählt. Im Februar 2014 beschloss auch der Schützenverein Börnste, Frauen die gleichen Rechte zukommen zu lassen.

So hat sich das Erscheinungsbild der Schützenvereine im Lauf der Geschichte immer wieder gewandelt. Die einzelnen Bestandteile des Schützenwesens wie Wehrhaftigkeit, Zeremoniell, Repräsentation und Geselligkeit haben immer wieder eine neue Gewichtung und Ausprägung erhalten. Das einzig Beständige ist der Wandel.

Aus der Geschichte des „Dülmener Schützenwesens“ vom Archivar August Hölscher aus dem Jahre 1930 entnehmen wir, das der Festungsraum Dülmen mit seinen fünf Toren (Münster-, Lüdinghauser-, Burg-, Neu- oder Merfelder-, und Coesfelder- Tor) und seinen fünf Straßengemeinschaften (Münstersträßer, Lüdinghauser-Sträßer, Burgsträßer, Neusträßer und Coesfelder-Sträßer) wirtschaftlich und wehrgemeinschaftlich seit alters her fünfteilig gewesen ist.

Während der Bürger- Schützenverein von 1551 die Tradition der alten Dülmener „Schützengesellschaft“, die 1967 zum „Allgemeinen Bürgerschützenverein“ umgestaltet wurde, weitergeführt hat, und von 1826 bis kurz vor dem ersten Weltkrieg ein weiterer Schützenverein der „Rieke-Lüde-Schützenverein“ bestanden hat, ist der „Münstersträßer Schützenverein“ um 1889/1890 gegründet worden. In den Kriegswirren des Jahres 1945 sind wohl alle Unterlagen verlorengegangen oder vernichtet worden. Dass aber der „Münstersträßer Schützenverein“ schon um 1890 gegründet und bestanden hat, wird bewiese einem Beschluss des Vorstands und der Ausschussmitglieder in der Sitzung des Bürger- Schützenvereins Dülmen vom 30.12.1890, niedergeschrieben im Protokollbuch des Bürger-Schützenvereins, der wie folgt lautet:

„Es wurde ferner beschlossen, das von dem Vorstande des im Jahre 1889 gefeierten Viersträßer Schützenfest und des von dem Vorstande des im Jahre 1889/1890 gefeierten Schützenfests der Münsterstraße dem Allgemeinen Bürgerschützenfeste überwiesene Geld zu heben.“ 

Danach haben die vier anderen Straßengemeinschaften ein Viersträßer Schützenfest und die Münstersträßer Straßengemeinschaft ihr eigenes Fest gefeiert. Weitere Hinweise über die Gründung und das Vereinsleben konnten wir den Anzeigen und Berichten des „Dülmener Anzeiger“ entnehmen. (siehe: Festschrift 125 Jahre Pluggendorf, dort sind die Anzeigen und Berichte gedruckt)

Als in den Jahren 1925-1930 das „Allgemeine-Bürger-Schützenfest“ Auswüchse zeigte, die es den gewöhnlich Sterblichen unmöglich machte, das Fest als vollwertiges, und nicht nur zahlendes Mitglied mitzufeiern, entstand 1929 das Kohvedel, im Jahre 1930 das Pluggendorfer und das Nieströter Schützenfest. Die Anwohner der Coesfelder Straße (Kohvedel) und der Münsterstraße (Pluggendorf) hatten bereits in den achzigern des 19. Jahrhunderts ihre beliebten Schützenfeste gefeiert.

An einem Sonntag in der Fastenzeit 1930 einigten sich Josef Geilmann, Franz Breuer und Franz Steven eine Versammlung einzuberufen, um das „Münstersträßer Schützenfest“ wieder ins Leben zu rufen. Am 26.04.1930 berichtete die Dülmener Zeitung in einem Artikel über die Gründungsversammlung

Die weiter Geschichte des Pluggendorfer Schützenvereins ist der „Festschrift 125 Jahre Pluggendorf“ zu entnehmen, welche beim Vorstand erstanden werden kann.